Die Systemtheorie - Kunst der Selbstirritation

 

"Die Horizonte der Menschen sind verschieden. Bei manchen ist das Sichtfeld leider so eingeengt, dass es sich auf einen einzigen Punkt beschränkt. Diesen nennt man den Standpunkt." (Hugo Steinhaus)

Die Erkenntnis, dass es auch eine andere Sicht auf die Dinge gibt, kostet die Aufgabe der Überzeugung, dass man selbst "im Recht" ist und andere die eigene Meinung nur nicht teilen, weil sie sie nicht verstehen wollen oder können. Die eigene Perspektive ist als eine mögliche neben anderen nicht wahrer oder richtiger und schon gar nicht sichtbar. Gerade weil Interpretationsprozesse unterschiedlich sind und unsichtbar bleiben, ist Kommunikation so sensibel.

"Kommunikation ist unwahrscheinlich. Sie ist unwahrscheinlich, obwohl wir sie jeden Tag erleben, praktizieren und ohne sie nicht leben würden." (Niklas Luhmann)

Damit Kommunikation gelingt, etablieren sich in der gesellschaftlichen Praxis Strukturen, die Verhalten und mögliche Interpretationen anderer erwartbarer machen, beispielsweise in Form von Rollenbildern. Sich seiner eigenen Rolle(n) bewusst werden, erfordert Distanz, eine Betrachtung des eigenen Blickwinkels. Als Kunst der "Selbstirritation" ermöglicht die Soziologie eine Beobachterperspektive, die den eigenen Standpunkt neben andere stellt und den Blick schärft, um Selbstverständlichkeiten und Strukturen zu verstehen und kritisch zu hinterfragen. 

Gibt es eine Möglichkeit, trotz unterschiedlicher Perspektiven eine gemeinsame Basis zu finden, auf der sich ein Konsens erzielen lässt?